{"id":6915,"date":"2019-04-08T12:34:06","date_gmt":"2019-04-08T10:34:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dev.wi-lex.de\/index.php\/echtzeitunternehmen\/"},"modified":"2021-05-20T12:55:48","modified_gmt":"2021-05-20T10:55:48","slug":"echtzeitunternehmen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wi-lex.de\/lexikon\/inner-und-ueberbetriebliche-informationssysteme\/kommunikations-und-kollaborationssysteme\/echtzeitunternehmen\/","title":{"rendered":"Echtzeitunternehmen"},"content":{"rendered":"<p><a title=\"Manfred Grauer\" href=\"https:\/\/www.wi-lex.de\/index.php\/autoren\/autorenverzeichnis\/grauer-prof-dr-ing-manfred\/\">Manfred Grauer<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Der Vision des Echtzeitunternehmens &#8211; Real-Time Enterprise (RTE) \u2013liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass neben Qualit\u00e4t und Kosten zunehmend Zeit und Innovationsf\u00e4higkeit zu entscheidenden Erfolgsfaktoren im globalen Wettbewerb werden. Die schnelle und ad\u00e4quate Reaktion auf Ereignisse in wertsch\u00f6pfenden Unternehmensprozessen gewinnt an Bedeutung. Ans\u00e4tze der vertikalen Integration betrieblicher Informationen werden bei der Umsetzung eines RTE genutzt.<\/em><\/p>\n<h2>Entwicklung und Begriff des Echtzeitunternehmens<\/h2>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nach der urspr\u00fcnglichen Definition von Gartner ist das Echtzeitunternehmen ein \u201eUnternehmen, das zur Sicherung seiner Wettbewerbsf\u00e4higkeit aktuelle Informationen nutzt, um nach und nach Verz\u00f6gerungen im Management und Ablauf seiner kritischen Gesch\u00e4ftsprozesse abzubauen\u201c (Drobik, 2002). Demnach muss ein Unternehmen zur Steuerung wertsch\u00f6pfender Unternehmensprozesse &#8211; d.h. technischer und betriebswirtschaftlicher Prozesse &#8211; in (nahe) Echtzeit auf sowohl interne (z.B. aus technischen Anlagen) als auch externe Ereignisse (z.B. Nachfrageverhalten) reagieren. Im Kontext produzierender Unternehmen geht es dabei um die Steigerung der Effizienz durch Verbesserung von Durchlaufzeiten, Qualit\u00e4t und Auslastung.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Unter der horizontalen Integration wird die inner- und zwischenbetriebliche Integration von <a class=\"internal-link\" title=\"Enterprise Resource Planning-System\" href=\"https:\/\/www.wi-lex.de\/index.php\/lexikon\/inner-und-ueberbetriebliche-informationssysteme\/sektorspezifische-anwendungssysteme\/enterprise-resource-planning\/enterprise-resource-planning-system\/\">Enterprise Resource Planning (ERP)-Systemen<\/a> mit betrieblichen Anwendungssystemen wie <a class=\"internal-link\" title=\"Customer Relationship Management (CRM)\" href=\"https:\/\/www.wi-lex.de\/index.php\/lexikon\/inner-und-ueberbetriebliche-informationssysteme\/crm-scm-und-electronic-business\/customer-relationship-management-crm\/\">Customer Relationship Management (CRM)<\/a>-, <a class=\"internal-link\" title=\"Supply Chain Management\" href=\"https:\/\/www.wi-lex.de\/index.php\/lexikon\/inner-und-ueberbetriebliche-informationssysteme\/crm-scm-und-electronic-business\/supply-chain-management\/\">Supply Chain Management (SCM)<\/a>&#8211; und <a class=\"internal-link\" title=\"PLM (Product Lifecycle Management)\" href=\"https:\/\/www.wi-lex.de\/index.php\/lexikon\/inner-und-ueberbetriebliche-informationssysteme\/sektorspezifische-anwendungssysteme\/plm-product-lifecycle-management\/\">Product Lifecycle Management (PLM)<\/a>-Systemen verstanden. Bestehende Enterprise Application Integration (EAI)-L\u00f6sungen, z.B. auf der Basis Service-orientierter Technologien, k\u00f6nnen f\u00fcr die horizontale Integration von betrieblichen Anwendungssystemen verwendet werden und bilden somit die Grundlage zur Etablierung eines Real-Time Business (RTB) (Alt, 2004).<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ziel der vertikalen Integration eines Unternehmens ist es, unterschiedliche \u00a0Unternehmensebenen nahtlos miteinander zu verbinden. In Abbildung 1 werden die technische und betriebswirtschaftliche Sicht eines Unternehmens und die Verteilung von Unternehmensprozessen auf verschiedene Ebenen dargestellt. Dabei kann konstatiert werden, dass sich die auf verschiedenen Unternehmensebenen ausgef\u00fchrten Prozesse sowohl bez\u00fcglich der Zeithorizonte mit ihren unterschiedlichen Zeitgranularit\u00e4ten als auch inhaltlich stark unterscheiden. Gesch\u00e4ftsprozesse auf der Unternehmensleitebene, die h\u00e4ufig durch ERP-Systeme unterst\u00fctzt werden und u.a. der Festlegung der Unternehmensstrategie dienen, werden offline mit einem Zeithorizont einiger Wochen und Monate ausgef\u00fchrt (s. Scheer, 2003). Betrachtet man dagegen die Prozesse auf der Fertigungsebene, verk\u00fcrzen sich die zugrundeliegenden Zeithorizonte auf Bereiche von wenigen Sekunden oder sogar Millisekunden. Die auf der Unternehmensleitebene ausgef\u00fchrten betriebswirtschaftlichen Planungssysteme (z.B. ERP-Systeme) arbeiten transaktionsorientiert und berechnen Planungsgr\u00f6\u00dfen, die im Rahmen eines RTE mit den von Automatisierungssystemen in der Produktion generierten, produktionsbegleitenden Daten abgeglichen werden sollten. Dieser Abgleich hat unter Ber\u00fccksichtigung ihrer Semantik &#8211; z.B. durch Aggregation zu Kennzahlen \u2013 zu erfolgen. Die Herausforderung produzierender Unternehmen bei der Etablierung eines RTE besteht demnach im Wesentlichen in der Schlie\u00dfung der (1) temporalen als auch der (2) semantischen Integrationsl\u00fccke.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die (gegenw\u00e4rtig) inad\u00e4quate Integration der Unternehmensebenen verhindert die durchg\u00e4ngige Realisierung der Vision des RTE. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen &#8211; Betriebswirtschaftslehre, Ingenieurwissenschaft und (Wirtschafts-)Informatik &#8211; k\u00f6nnen Beitr\u00e4ge zum Verst\u00e4ndnis und zur \u00dcberwindung der vertikalen Integrationsl\u00fccke und damit auch zur Verwirklichung eines RTE liefern.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><img decoding=\"async\" class=\"image-inline image-inline\" src=\"https:\/\/www.wi-lex.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/EchtzeitunternehmenAbb1.jpg\" alt=\"Echtzeitunternehmen Abb1\" \/><\/p>\n<p class=\"wl_beschriftung\">Abbildung 1: Verteilung von Unternehmensprozessen auf verschiedene Unternehmensebenen und deren dazu korrespondierende Zeithorizonte mit ihrer Zeitgranularit\u00e4t<\/p>\n<h2>Ingenieurwissenschaftliche Perspektive &#8211; Die Rolle von R\u00fcckkopplungen<\/h2>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Grundprinzip der Regelungstechnik hat schon seit langem zur Beschreibung betrieblicher Informationssysteme Eingang in die Wirtschaftsinformatik gefunden. Es kann daher auch auf die Interaktion der verschiedenen, oben skizzierten Unternehmensebenen \u00fcbertragen werden. Demnach wird ein (IT-) System ben\u00f6tigt, dass die tats\u00e4chlichen Prozesswerte der wertsch\u00f6pfenden Prozesse misst, mit den \u00fcbergeordneten Zielvorgaben auf der Leitebene abgleicht und steuernd in die Unternehmensprozesse eingreifen kann.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dieser Idee folgend versucht man mit <a class=\"internal-link\" title=\"Manufacturing Execution System\" href=\"https:\/\/www.wi-lex.de\/index.php\/lexikon\/inner-und-ueberbetriebliche-informationssysteme\/sektorspezifische-anwendungssysteme\/manufacturing-execution-system\/\">Manufacturing Execution Systems (MES)<\/a> (Kletti, 2007), die vertikale Integrationsl\u00fccke zu schlie\u00dfen und R\u00fcckkopplungen zwischen Unternehmensleitebene und Fertigungsebene zu etablieren. Organisationen wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und der US-amerikanische Industrieverband Manufacturing Enterprise Solutions Association (MESA) besch\u00e4ftigen sich intensiv mit MES und haben diesbez\u00fcglich eine Reihe von Richtlinien und Normen ver\u00f6ffentlicht (z.B. Richtlinie VDI 5600 &#8211; Manufacturing Execution Systems). Die Datenerfassung auf der Fertigungsebene beschr\u00e4nkt sich oftmals mit der Betriebsdatenerfassung (BDE) und Maschinendatenerfassung (MDE) durch einen Maschinenbediener, vernachl\u00e4ssigt jedoch die Einbeziehung echter Prozessdaten aus den Automatisierungssystemen.<\/p>\n<h2>Informationstechnische Perspektive &#8211; IT- Konzepte, Methoden und Systeme<\/h2>\n<p align=\"JUSTIFY\">Betriebliche Anwendungssysteme auf der Unternehmensleitebene k\u00f6nnen mit bestehenden EAI-L\u00f6sungen horizontal integriert werden. <a class=\"internal-link\" title=\"Serviceorientierte Architektur\" href=\"https:\/\/www.wi-lex.de\/index.php\/lexikon\/entwicklung-und-management-von-informationssystemen\/systementwicklung\/softwarearchitektur\/architekturparadigmen\/serviceorientierte-architektur\/\">Service-orientierte Architekturen (SOA)<\/a> haben sich dabei zu einem de facto Standard f\u00fcr EAI entwickelt. In einer SOA werden Funktionen betrieblicher Anwendungssysteme in Form von Services (z.B. Web-Services) bereitgestellt. Diese Services k\u00f6nnen von anderen Anwendungssystemen genutzt werden. Ein Enterprise Service Bus (ESB) wird als Backbone einer SOA eingesetzt, da er dazu verwendet werden kann, Services verschiedener Herkunft (d.h., verschiedener Anwendungssysteme, die auf verschiedenen Plattformen ausgef\u00fchrt werden) zu integrieren. Daneben k\u00f6nnen Services mit Workflow-Management-Systemen (WfMS) zu komplexen Prozessabl\u00e4ufen orchestriert werden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der offene Schnittstellen-Standard OLE for Process Control (OPC) kann dazu verwendet werden, Prozessdaten zwischen Systemen der Fertigungs- und der Leitebene auszutauschen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In einer ereignisgetriebenen Architektur &#8211; Event-Driven Architecture (EDA) &#8211; interagieren Komponenten durch den Austausch von Ereignissen miteinander. Unter einem Ereignis wird in diesem Kontext ein Datenobjekt als softwaretechnischer Repr\u00e4sentant dieses Ereignisses verstanden. Im Kontext wertsch\u00f6pfender Unternehmensprozesse treten dabei Ereignisse auf, die in kausaler, logischer und temporaler Abh\u00e4ngigkeit zueinander stehen k\u00f6nnen. Ereignisse, die sich auf diese Weise aus einfachen Ereignissen zusammensetzen, werden als komplexe Ereignisse bezeichnet (Luckham, 2012). Die Verarbeitung komplexer Ereignisse wird unter dem Begriff Complex Event Processing (CEP) derzeit diskutiert. Ein CEP-System bietet eine standardisierte Softwareinfrastruktur zur kontinuierlichen Kontrolle und Steuerung von Unternehmensprozessen in Echtzeit.<\/p>\n<h2>Betriebswirtschaftliche Perspektive &#8211; Prozesse im Vordergrund<\/h2>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mit den diskutierten informationstechnischen Konzepten, Methoden und Technologien ist es m\u00f6glich, geschlossene Regelkreise zwischen der Unternehmensleitebene und der Fertigungsebene aufzubauen. Grundgedanke des RTE ist es, Verz\u00f6gerungen im Management und Ablauf kritischer Gesch\u00e4ftsprozesse durch Nutzung aktueller Informationen abzubauen. Dieser Herausforderung wird nicht alleine mit dem Einsatz potenter IT-Technologien begegnet. So k\u00f6nnen die Methoden des Business Process Management (BPM) und des Business Process Reengineering (BPR) durchaus auch auf wertsch\u00f6pfende Unternehmensprozesse auf Fertigungsebene angewandt werden.\u00a0Ein solcher Gedanke wird mit der Arbeit (Schmalzried, 2013) f\u00fcr die Beschaffungsseite von Fertigungsunternehmen (Real-Time Supply Chain Planning) vorgestellt.<\/p>\n<h2>Ausblick<\/h2>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Vision eines RTE f\u00fcr produzierende Unternehmen r\u00fcckt mit der Verf\u00fcgbarkeit innovativer IT-Technologien in greifbare N\u00e4he (Grauer, 2010). Die vertikale Integration verschiedener Unternehmensebenen ist eine der zentralen Herausforderungen bei der Entwicklung und Etablierung konkreter RTE-L\u00f6sungen. Ein ganzheitlicher Ansatz sollte dabei nicht alleine informationstechnische Konzepte, Methoden und Systeme beinhalten, sondern auch ingenieurwissenschaftliche und betriebswirtschaftliche Perspektiven umfassen. So kann es gelingen, echtzeitnahe Eingriffe sowohl reaktiv als auch proaktiv zu realisieren.<\/p>\n<hr \/>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>Alt, R.; \u00d6sterle, H.: Real-time Business &#8211; L\u00f6sungen, Bausteine und Potenziale des Business Networking, Springer, Berlin, 2004.<\/p>\n<p>Drobik, A.; Raskino, M.; Flint, D.; Austin, T.; MacDonald, N.; McGee, K.: The Gartner definition of real-time enterprise, Tech. Report, Gartner Inc., 2002<\/p>\n<p>Grauer, M.; Karadgi, S.; Metz, D.; Sch\u00e4fer, W.: Real-Time Enterprise \u2013 Schnelles Handeln f\u00fcr produzierende Unternehmen. Wirtschaftsinformatik &amp; Management (5), 2010, 13-15<\/p>\n<p>Kletti, J. (Hrsg.): Manufacturing Execution Systems \u2013 MES, Springer, Berlin, 2007<\/p>\n<p>Luckham, D.: Event Processing for Business \u2013 Organizing the Real-Time Enterprise, John Wiley &amp; Sons, Hoboken, 2012.<\/p>\n<p>Scheer, A.-W.; Abolhassan, F.; Bosch, W. (Hrsg.): Real-Time Enterprise &#8211; Mit beschleunigten Managementprozessen Zeit und Kosten sparen, Springer, Berlin, 2003.<\/p>\n<p>Schmalzried; D.: In-Memory-basierte Real-Time Supply Chain Planung, GITO, Berlin, 2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manfred Grauer Der Vision des Echtzeitunternehmens &#8211; Real-Time Enterprise (RTE) \u2013liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass neben Qualit\u00e4t und Kosten zunehmend Zeit und Innovationsf\u00e4higkeit zu entscheidenden Erfolgsfaktoren im globalen Wettbewerb werden. 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