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Bullwhip-Effekt

Der Bullwhip-Effekt steht beispielhaft für die Koordinationsprobleme mehrstufiger Lieferketten und wird deshalb oftmals im Rahmen des Supply Chain Managements herangezogen, um Herausforderungen, Probleme und strukturelle Schwächen von Lieferketten zu verdeutlichen, sowie Einsatz und Anwendung moderner, IKT-basierter Supply-Chain-Management-Maßnahmen zu motivieren.

Überblick

In mehrstufigen Lieferketten lässt sich beobachten, dass trotz relativ geringer Nachfragevariabilität auf der Endkundenseite sowohl Bestellmengen wie auch Lagerbestände auf den höheren Stufen der Lieferkette großen Schwankungen unterliegen. So führen aufgrund von Störungen und Verzerrungen bei der Übermittlung des Bedarfs bereits kleine Änderungen der Endkundennachfrage stromaufwärts in der Lieferkette zu immer größeren Ausschlägen in den Bestellmengen. Dieses Phänomen ist allgemein als Bullwhip-Effekt, in einigen Wirtschaftszweigen auch als Whiplash- oder Whipsaw-Effekt bekannt [Lee, Padmanabhan, Whang 1997a, S. 93].

Herkunft

Der Bullwhip-Effekt gilt als zentrales Problem traditioneller Supply-Chains. Viele SCM-Maßnahmen (z.B. Kooperationsmodelle) zielen auf seine Beseitigung ab (siehe z.B. [Riemer 2008a]).

Erstmals beschrieben wurde dieses Phänomen durch [Forrester 1961], der in einem Simulationsmodell den Zusammenhang zwischen Bestellungen und Lagerbeständen erforschte. Als Ursache für das Aufschaukeln der Nachfragevariabilität machte er industriedynamische Prozesse verantwortlich; er wies damit erstmals auf die Wichtigkeit der ganzheitlichen Betrachtung des Systems Lieferkette hin [Lee, Padmanabhan, Whang 1997b, S. 547]. Der Begriff Bullwhip-Effekt wurde zu Beginn der 1990er Jahre geprägt, als der Effekt erstmals in der Praxis untersucht wurde. Der Konsumgüterhersteller Procter&Gamble (P&G) z. B. beobachtete bei einer Marktuntersuchung für sein Produkt Pampers-Windeln, dass die Verkaufszahlen bei den Endhändlern im Zeitablauf erwartungsgemäß relativ konstant waren [Alicke, 2005, S. 99]. Bei der weiteren Untersuchung stellte man jedoch fest, dass die Nachfrage der Zwischenhändler bereits starken und die eigenen Rohstoffbestellungen erheblichen Schwankungen unterworfen waren.

Auswirkungen

Der Bullwhip-Effekt führt zu zahlreichen Problemen in der Supply-Chain (vgl. [Günthner  2005]). Um die Lieferfähigkeit bei schwankenden Bestellmengen sicherzustellen, sind z. B. größere Lagerbestände und Sicherheitspuffer notwendig. Auch die Transport- und Produktionskapazität muss zur Gewährleistung der Lieferfähigkeit auf die Schwankungsbreite ausgerichtet werden. Durch die Nachfrageschwankungen steigt die Wahrscheinlichkeit von Lieferverzögerungen, Engpässen und Fehlmengen. Die mangelnde Produktverfügbarkeit kann dann dazu führen, dass die nachfolgenden Stufen der Lieferkette nicht termingerecht bedient werden können. Ein Mangel an Koordination kann zudem die Beziehungen der Geschäftspartner negativ beeinflussen.

Ursachen

Der Bullwhip-Effekt und seine Ursachen können im Rahmen der Lehre sehr anschaulich mit dem so genannten Beergame demonstriert werden (siehe [Riemer 2008b]).

Der Bullwhip-Effekt ist das Ergebnis zahlreicher Ineffizienzen, die insbesondere in traditionellen Lieferketten ohne Kooperation auftreten:

  • Unsichere Informationslage: Ein maßgeblicher Grund für den Bullwhip-Effekt ist der mangelnden Informationsweitergabe über den Endkundenbedarf geschuldet.
  • Lange Auftragsdurchlaufzeiten: Lange Laufzeiten erschweren die Prognose von Bedarfen und das Festsetzen von Sicherheitsbeständen. Sie sind für Überreaktionen und Bestellschwankungen mitverantwortlich.
  • Schubweise Bestellungen durch Losgrößenbildung: Durch Mengenrabatte und bestellfixe Kosten gibt es Anreize Mengen gebündelt zu bestellen. Dies trägt unmittelbar zum Aufschaukeln der Bestellungen bei.
  • Werbeaktionen und Preisfluktuationen: Werbeaktionen induzieren Schwankungen bereits beim Endkunden und sind damit ein Auslöser des Bullwhip-Effekts.

Maßnahmen zur Beseitigung

Zahlreiche Maßnahmen des Supply-Chain-Managements, wie z. B. Kooperationsmodelle wie Vendor Managed Inventory, Cross-Docking oder Collaborative Planning Forecasting und Replenishment (CPFR) zielen auf das Eindämmen des Bullwhip-Effekts ab.

Literatur 

Alicke, Knut: Planung und Betrieb von Logistiknetzwerken: Unternehmensübergreifendes Supply Chain Management. 2. Aufl., Berlin : Springer, 2005.

Forrester, Jay W.: Industrial Dynamics. Cambride, MA : Productivity Press, 1961.

Günthner, Willibald A.: Wissenschaft in der Logistik – 14. Deutscher Materialfluss-Kongress „Intralogistik – Innovation und Praxis“. In: VDI-Berichte, Nr. 1882. Düsseldorf : VDI Verlag, 2005.

Lee, Hau L.; Padmanabhan, V.; Whang, Seungjin: The Bullwhip Effect in Supply-Chains. In: Sloan Management Review, 38 (1997a), Nr. 3, S. 93–102.

Lee, Hau L.; Padmanabhan, V.; Whang, Seungjin: Information Distortion in a Supply-Chain: The Bullwhip Effect. In: Management Science, 43 (1997b), Nr. 4, S. 546–558.

Riemer, Kai: E-Commerce und Supply-Chain-Management - Maßnahmen und Instrumente zur Verbesserung der Koordination in Lieferketten, Arbeitsbericht Nr. 53 des Kompetenzzentrums Internetökonomie und Hybridität Münster, Münster 2008a, verfügbar online.

Riemer, Kai: The Beergame in business-to-business eCommerce courses – a teaching report; 21st Bled eConference, Bled, Slovenia, 2008b, verfügbar online.

Autor


 

Dr. Kai Riemer, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, ERCIS European Research Center for Information Systems, Lehrstuhl für WI und Interorganisationsysteme, Leonardo-Campus 3, 48149 Münster

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Zuletzt bearbeitet: 25.10.2012 11:15
Letzter Abruf: 21.11.2017 16:34
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